Es ist Freitagnachmittag, der 24.05.2019. Eigentlich sollte zum Ende der Woche im SAE Institute in Stuttgart alles ruhig sein. Doch heute füllen zahlreiche Studenten mit ihren Schlafsäcken und Isomatten die Seminarräume. Grund ist der diesjährig VR Game Jam. 

Das Motto des diesjährigen Game Jams lautet: „Think big, Start small“. Die Teilnehmer arbeiten knapp 44 Stunden – von Freitagabend bis Sonntagnachmittag – ihre VR-Spiele-Idee aus. Die Zeit können sie gut gebrauchen. Zuerst werden Teams gebildet. Eine Gruppe findet sich schnell zusammen, bei den anderen beginnt eine Diskussion über die „Verteilung“ der Game-Programming-Studenten. Am Ende des Wettbewerbs soll das Spiel nicht nur designt, sondern auch spielbar sein.

Nach gerechter Aufteilung der Programmierer unter den Game-Art-Studenten richtet sich jede Gruppen in einem Seminarraum ein. Für die nächsten Tage ihr Arbeits- und vielleicht Schlafplatz. Zwischen den Game-Studenten sitzen auch Audio- und Filmstudenten, welche die Teams mit ihren Kenntnissen unterstützten. Sie alle sind bereit, „Geilen Scheiß mit Medien“ zu machen. Getreu dem Motto des SAE Institutes in Stuttgart.

Es beginnt die Brainstorming- und MindMap-Phase. Hilfe erhalten die Studenten von Andreas Hauber. Er ist Fachbereichsleiter für Game Art und Programming am SAE Institute in Köln. Nebenbei hat er sein eigenes Buch über Virtual Reality veröffentlicht und hält den Weltrekord für die längst Zeit unter einer VR-Brille. Ganze 42 Stunden hat er ausgehalten. 42 sei eben die Antwort auf alles, wie er selbst den Teams erzählt. Auch Stephanie „Sissi“ Steiner und Nathalie Feltgen stehen den Studenten mit Rat und Tat zur Seite. Sie sind die Organisatoren des VR Game Jams.

Samstag: Der harte Kampf mit der Software und um die Schlafplätze

Überall im Institute liegen Isomatten und Schlafsäcke.

Am Samstag liegen im Institute Isomatten und Schlafsäcken verteilt. Im Workspace hat sich die Gruppe „Captain Lunch“ einquartiert. Sie sind guter Dinge, obwohl auch über Probleme mit den Programmen geschimpft wird: „Ich kann nichts dafür, dass Maya meine Sachen löscht und ins Nirvana schickt.“ (Mit Maya wird keine Person beschuldigt. Es geht um eine Animationssoftware, mit der die Studenten im SAE Institute arbeiten.)

Knapp 13 Stunden sind nach Beginn des Wettbewerbs vergangen. Im Seminarraum Memphis hat die Gruppe um „Customer Service“ ihre Hardware ausgebreitet. Alle schauen gebannt auf ihre Rechner. Ablenkung von Außen lassen sie kaum an sich heran.

Anders sieht es im Seminarraum „localhost“ gegenüber aus. Hier ruhen sich gerade einige Mitglieder auf Fatboys aus. „Wir haben heute Nacht vier Stunden geschlafen; in unserem Arbeitsraum. Unser Kissen haben wir uns aus der SAE zusammengesammelt, bevor es die anderen Gruppen tun konnten. Wir hatten quasi fast ein Bett“, erzählt die Programmiergruppe um das Game „This Sucks!“. Mit Frühstück werden sie jeden Morgen versorgt. Am Samstagabend gibt es sogar für alle Teilnehmer Pizza. Auch an der Körperhygiene muss es den Teams nicht mangeln: „Wir können in der Etage unter uns bei den Fitnessräumen duschen gehen, dann kann man es das ganze Wochenende mit uns aushalten und muss den Raum nicht fluchtartig verlassen.“ 

Sonntag: Der Tag der Entscheidung

Am Sonntagmorgen herrscht eine angespannte Stimmung. Die letzten Feinschliffe werden vor der großen Präsentation um 14 Uhr erledigt. Bugs fieberhaft identifiziert und ausgebessert. Früher als es den Teams recht ist, sind die 44 Stunden Bearbeitungszeit um. Das Jurorenteam unterstützt heute Shuo Zang. Er ist Fachbereichassistent für Game Art 3D & Animation. Mit dabei ist auch der Manager des SAE Institutes Felix „Fuddi“ Gerhardt. Er ist sehr gespannt auf die Präsentationen.

Als erstes wagt das Team „Customer Service“ seinen Pitch. Juror Andreas tritt als freiwilliger Testspieler vor. In ihrem VR-Game hat der Spieler einen Laden und muss verschiedenen Kunden bedienen. „Unser Motto ist: Der Kunde ist König. Es gibt Astronauten, Kleinkinder und Aliens. Alle haben verschiedene Bedürfnisse, die du ihnen erfüllen musst“, erklären die Teammitglieder. Insgesamt haben sie innerhalb kürzester Zeit vier Level designt. In einem kann man sogar Grabsteine verkaufen (und als Easteregg in den Mixer werfen). 

Die Gruppe der Zuschauer geht weiter in den Seminarraum „localhost“, in dem sich die Gruppe „This Sucks!“ fast zwei Tage mit verdunkelten Fenstern (und ihrer Fatboys- und Kissensammlung) einquartiert hat. Zwischen leeren Chipstüten testet der Juror Shuo Zang das VR-Game. Das Team hat die Themenvorgabe sehr wörtliche genommen: „Wir wollen groß träumen und klein starten.“ Es geht um einen verrückten Wissenschaftler, der während eines Experiments geschrumpft ist. Um wieder groß zu werden, schießt er mit seiner Laserkanone auf alle möglichen Gegenstände. „Er wird immer größer und größer. Irgendwann schlägt es aber in die falsche Richtung und er wird größenwahnsinnig, er ist ja immerhin verrückt.“ Laut Aussage der Teammitglieder ist das Spiel vorbei, wenn der Wissenschaftler so groß wie ein Hochaus ist.  

Weiter geht es zur nächsten Präsentation: „Unser Spiel heißt Captain Lunch – wie Captain Crunch nur anders.“ Das Team habe sich von dem Spiel „Overcooked“ inspirieren lassen und einen VR-Kitchen-Simulator designt. Shuo Zang meldet sich sofort als freiwilliger Testspieler. „Ich liebe Essen, das muss ich ausprobieren.“, scherzt er. Das Team erklärt während der Vorführung ihre Umsetzung des Mottos: „Je glücklicher der Kunde, desto mehr Features bekommt die Küche. Die Rezepte werden außerdem komplexer. Am Anfang startet man mit zwei Zutaten und irgendwann muss man einen ganzen Burger machen.“ 

Juror Shuo Zang ist bei „Captain Lunch“ voll in seinem Element. 

Endlich: Der Sieger des VR Game Jams 2019 steht fest!

Bevor die Gewinner gekürt werden, richtet Fuddi einige Worte an die Studenten: „Ich bin sehr stolz auf euch. Es ist beeindruckend, was ihr in 44 Stunden geleistet habt. Auch wenn ihr nicht gewinnt, könnte ihr eure Arbeiten in eurer Portfolio aufnehmen.“ Ein echter Gewinn für alle. Jetzt werden die Teams aber nicht länger auf die Folter gespannt. Die Juroren Andreas Hauber und Shuo Zang verkünden die Platzierung. 

Und Gewinner des VR Game Jams 2019 ist…. „Captain Lunch“! Jedes Teammitglied darf sich über einen JBL Bluetooth Lautsprecher im Wert von über 100€ freuen. Juror Shuo Zang lobt die Eastereggs („Ich konnte Pommes aus dem Fenster werfen!“) und das Einbauen der Bewegungsfreiheit. Die anderen Games konnten lediglich im Sitzen oder Stehen gespielt werden. „Captain Lunch“ verlangt dem Spieler aber viel Bewegung ab, wie in einer richtigen Küche. 

Zum Glück muss aber kein Team leer ausgehen, da genau drei Preise zu Verfügung stehen. Den dritten Platz belegt das Team um „Customer Service“, das sich über einen 20€-Steam-Gutschein freuen darf. Für das „This Sucks!“- Team geht es Ende August zur Gamescom. Natürlich auf Kosten der SAE.

Am Ende verlassen alle Teilnehmer das Institut. Kissen und Fatboys werden an ihren ursprünglichen Platz gebracht. Isomatten und Schlafsäcke eingerollt und eingepackt. Vielleicht werden sie im nächsten Jahr wieder benötigt.