Erster Unverpackt-Laden Kölns sagt dem Müll den Kampf an

KÖLN. Seit über einem Jahr kämpft der erste Unverpackt-Laden Kölns „Tante Olga“ gegen die hohe Müllproduktion in unserer Gesellschaft. Das gesamte Sortiment des Ladens kann ohne Verpackungsmaterial erworben werden. Dieser Grundgedanke beruht auf dem Zero-Waste-Lifestyle, welchen die drei Gründer Olga, ihr Mann Gregor und deren Freundin Dina selbst leben.

Tante Emma, Außenfassade
Die Außenfassade des „Tante Olga“-Ladens erinnert an einen typischen „Tante Emma“-Laden.

Durchschnittlich produziert jeder Deutsche 618 Kilogramm Müll pro Jahr. Entgegen diesem Trend hat sich der Zero-Waste-Lifestyle gebildet. Einer der wichtigsten Aspekte für die Anhänger ist der Verzicht auf Verpackungsmaterial, welches zum größten Teil aus Plastik besteht. Laut Greenpeace werden pro Jahr im Durchschnitt 311 Millionen Tonnen Plastik produziert. Ein Drittel bestehe aus Wegwerfprodukten, die wir meist nicht länger als fünf Minuten benötigen. Viele dieser Plastikabfälle landen in unseren Weltmeeren und sind eine Gefahr für die dort lebenden Tiere. Greenpeace berichtet, dass zurzeit von mindestens 150 Millionen Tonnen Plastikabfall ausgegangen wird.

Aufgrund dieser Werte ist es nicht verwunderlich, dass die Anhänger des Zero-Waste-Lifestyles auf eine Reduzierung ihres Plastikkonsums achten. Beim Wocheneinkauf im Discounter stoßen diese allerdings sehr schnell an ihre Grenzen. Dort gibt es wenig ohne eine (Plastik-)Verpackung zu kaufen. Die meisten Leute, die dem Zero-Waste-Lifestyle folgen, sind deshalb auf einen Unverpackt-Laden in ihrer Umgebung angewiesen. Dieser kann ihnen einen müllfreien Einkauf deutlich erleichtern.

müll, Deutschland
In Deutschland wird zu viel Müll produziert.

Zero-Waste als Lebenseinstellung

Der Zero-Waste-Lifestyle ist aber mehr als das Bewusstsein, möglichst wenig bis gar keinen Müll zu produzieren. Es ist eher eine Art Lebenseinstellung, mit deren Hilfe das Konsumverhalten in unserer Gesellschaft überdacht werden soll. Die Grundpfeiler der „Zero-Waste“-Philosophie sind die 5 Rs: Refuse (Verweigern), Reduce (Reduzieren), Re-use (Wiederverwenden), Recycle (Wiederverwerten) und Rot (Kompostieren). Diese Schritte lassen sich auch im Prinzip des „Tante Olga“-Ladens wiederfinden.

Der Aufbau des Geschäfts erinnert an einen herkömmlichen “Tante Emma”-Laden. Häufig wird er nur von einer der zwei angestellten Thekenkräfte betrieben. Dies vermittelt vor allem den Stammkunden ein sehr familiäres Gefühl. Das Prinzip des Ladens ist einfach erklärt: Jeder Kunde bringt seine eigenen Behälter mit und ermittelt vor Ort dessen Leergewicht. Anschließend können die Kunden die Lebensmittel ihrer Wahl abfüllen, um sie an der Kasse erneut wiegen zu lassen. Dort wird dann das Leergewicht abgezogen. Der Kunde ist nicht wie in herkömmlichen Supermärkten gezwungen, eine bestimmte Menge zu kaufen. Er kann selbst entscheiden, wie viel er benötigt. „Zum Abfüllen kann man im Prinzip alles mitbringen. Leere Gläser, Stoffsäckchen, alte Dosen und Verpackungen“, erklärt die Mitgründerin Olga. Für spontane Einkäufe oder Zero-Waste-Anfänger gibt es im Laden außerdem verschiedene Behältnisse zu kaufen. Wer Geld sparen möchte, hat die Möglichkeit sich einfach an einem kleinen     Korb mit gebrauchten Gläsern zu bedienen. Diese werden regelmäßig von Kunden gespendet, was den Gedanken der Wiederverwendung (Re-use) unterstützen soll.

“Wir sind regionaler als andere Bioläden und haben daher auch höhere Standards.”

Im „Tante Olga“-Laden werden nur Bio-Lebensmittel angeboten. „Wir sind regionaler als andere Bioläden und haben daher auch höhere Standards“, beantwortet Olga die Frage nach dem Preis der Produkte. Dieser sei dementsprechend auch schon Mal etwas höher als in Discountern. „Wir Deutschen geben unglaublich wenig Geld für Lebensmittel aus. Hier kosten die Lebensmittel das, was sie wert sind, sodass jeder davon leben kann.” Der Unverpackt-Laden lebe von dem Prinzip, sich auf das Wesentliche zu reduzieren (Reduce). Den Kunden sei es daher nicht möglich dort Dinge zu kaufen, die auf Impulskäufen beruhen. Das Sortiment an Lebensmitteln reicht von Hülsenfrüchten, wie Mais, Bohnen und Kichererbsen, bis zu verschiedenen Getreiden, wie Couscous, Reis und verschiedene Sorten von Mehl. Mit diesem Angebot kann dem Kunden eine Grundversorgung an Lebensmitteln angeboten werden.

Das Problem der Einwegprodukte

Mittlerweile ist der Kaffee-to-go nicht mehr wegzudenken. Dieser wird meistens in einem Einwegbecher verkauft, welcher nach einmaliger Benutzung entsorgt wird. Bei „Tante Olga“ gibt es sowas nicht. „Wir bieten zwar „To-Go“ an, aber nur mit Mehrwegbechern, welche man kaufen oder leihen kann“, berichtet Olga. Außerdem sei es möglich, seinen eigenen „To-Go“-Becher mitzubringen, wie es auch schon in vielen weiteren Cafés und Bäckereien möglich ist. Eine Ausgabe von Einwegbechern wird bei “Tante Olga” komplett verweigert. Dies bedeutet auch, den Kunden im schlimmsten Fall wieder wegzuschicken, falls sich keine Lösung finden lässt. Hier wird besonders deutlich, wie ernst das Personal das Verweigern (Refuse) nimmt und auch konsequent umsetzt.

„Wir haben auch viele Non-Food-Produkte“, erzählt Olga, „alles, was man eben braucht, um Müll einzusparen.“ Das Sortiment reicht von verschiedenen Haarseifen, Rasierhobeln und Bambuszahnbürsten bis zu einigen ökologischen Büroartikeln. Begonnen haben Olga und ihr Mann Gregor im Juni 2013 mit einem Onlineshop, der nur auf den Bereich Non-Food spezialisiert war. Diese Produkte seien weniger Leuten bekannt. Die beiden wollten damit zeigen, wie man auch in diesem Bereich den Zero-Waste-Lifestyle ausleben kann.

Bereits ein halbes Jahr vor der Eröffnung des Geschäfts im November 2016 riefen die Gründer Olga, ihr Mann Gregor und Dina eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben. Diese machte die Ladengründung in Köln-Lindenthal überhaupt erst möglich. Olga lebt schon seit 2013 so müllfrei wie möglich. „Ich habe von einem Tag auf den anderen entschieden, dass ich das will, aber dann habe ich es Stückchen für Stückchen umgesetzt“, erläutert Olga ihren Weg in den Zero-Waste-Lifestyle. Ihren Weg in ein müllfreies Leben hat sie in ihrem Blog „zero-waste-lifestyle“ festgehalten. „Immer, wenn ich was verändert oder was Neues herausgefunden habe, habe ich in meinem Blog darüber geschrieben“, erzählt Olga weiter.

Alles eine Frage der Gewohnheit

Die Umstellung sei gerade am Anfang vor allem eine Sache der Gewohnheit. „Es fängt mit der Tüte an, die du mitnimmst, wenn du einkaufen gehst, damit du dir da keine kaufen musst“, sagt Olga. Irgendwann denke man dann aber von alleine daran, Jutebeutel und Behälter mitzunehmen. Auf Einwegprodukte ist Olga daher schon lange nicht mehr angewiesen. Außerdem ist sie der Ansicht, dass man sich die Zeit nehmen sollte, die man für die Umstellung braucht. „Ich hatte zeitweise Phasen, in denen ich fast verrückt geworden bin und mich selbst dafür bestraft habe, wenn ich es einmal nicht hinbekommen habe“, erzählt Olga. Die Umstellung sei besonders hart, da wir in einer Wegwerfgesellschaft aufgewachsen sind. Nach dem Zero-Waste-Lifestyle zu leben sei daher für viele Menschen das genau Gegenteil von dem, was sie seit ihrer Kindheit gewohnt sind.

Ganz ohne Müll kommt der Unverpackt-Laden allerdings nicht aus. Denn nicht alle Lieferanten des Ladens können komplett auf Verpackungen verzichten. „Das war für mich anfangs der totale Schock. Ich habe zuhause fast müllfrei gelebt, aber dann wurde ich mit der Realität konfrontiert“, berichtet Olga. Mittlerweile hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, dass Bewusstsein der Leute zu schärfen. Dies sei die eigentliche Bestimmung ihres Ladens.

Der Zero-Waste-Gedanke setzt sich durch 

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Im Frittenwerkt wird komplett auf Plastik verzichtet.

Der „Tante Olga“-Laden in Köln ist schon lange kein Einzelfall mehr. In den meisten größeren Städten Deutschlands gibt es mittlerweile Unverpackt-Läden – Tendenz  steigend. Außerdem folgen auch viele andere Geschäfte diesem Beispiel und bemühen sich um eine deutliche Müllreduzierung. Auch das Fast-Food-Restaurant “Frittenwerk” auf der Ehrenstraße in Köln verzichtet nicht nur komplett auf Plastik. Auch das Besteck, die Pommes-Schiffchen und die Tragetaschen sind aus ursprünglichen Materialien gewonnen und daher vollständig biologisch abbaubar.


Weitere Informationen:

Informationen zu „Tante Olga“

Greenpeace: Plastik im Meer“

KSTA: Kölns erster Unverpackt-Laden

Informationen zum „Frittenwerk“

„Wie wir es schaffen, ohne Müll zu leben“ von Hannah Martin und Carlo Krauss